Kein Traditionsarsenal für Nationalisten: die europäische Dimension der Revolution

Die Revolutionswelle von 1848/49 bzw. (wenn man die Schweiz mit einbezieht:) von 1847 bis 1849 erschütterte ganz Europa, von Skandinavien bis Sizilien und in die Walachei, mit Frankreich, den deutschen und italienischen Staaten sowie Ungarn als Hauptschauplätzen. Auch in den europäischen Staaten, die nicht unmit¬telbar von revolutionären Aufständen erfasst wurden, kam es zu politischen Ver¬änderungen, zu Reformschüben; eine Ausnahme blieb lediglich das zaristische Russland.



Frühling 1848: „Die Könige in Seenot“

Die übernationale Dimension von Revolutionen ist überhaupt ein Charakteristikum, das den Revolutionen des 19. Und 20. Jahrhunderts gemein ist: Die Große Französische Re-volution zog unter anderem Gesellenproteste und kleinere Streiks in den Ancien Régimen bis hin zu „Jakobinerverschwörungen“, namentlich in Wien, nach sich. Der Widerhall der Pariser Juni-Revolution 1830 auf dem europäischen Kontinent war bereits viel stärker. Der polnische Aufstand, der sich gegen die Fremdherrschaft des Zarismus sowie der Hohenzollern- und Habsburgermonarchie richtete, zog sich über viele Monate hin; Belgien erstand als eigener Staat und eine für damalige Verhältnisse moderne konstitutionelle Monarchie. Zu spüren war die Juni-Revolution auch in Preußen und sogar in Berlin, wo im September 1830 die „Schneiderrevolution“ ordnungsliebende Bürger mehrere Tage in Unruhe versetzte.

Der Revolutionszyklus 1917 bis 1920 erfasste ebenfalls ganz Europa, mit revolutionären Aufständen und anhaltenden Massenstreiks von Finnland über die Schweiz sowie Ungarn und andere osteuropäische Staaten bis nach Italien. Darüber hinaus wurden Länder weltweit – nicht zuletzt die USA und Kanada sowie Teile Südamerikas – von Unruhen, große Streikbewegungen und lokalen Aufständen erschüttert. „1968“, als eine Chiffre, die zeitlich weit mehr als nur ein Jahr umfasst, war gleichfalls global. Zu Unrecht wird „1968“ zudem auf „Studentenbewegung“ reduziert; die 68er Bewegung erfasste weit darüber hinaus auch Schüler, Lehrlinge und überhaupt breite Schichten der Jugend. Nicht zuletzt geriet die Arbeiterschaft buchstäblich in Bewegung, besonders markant in Frankreich im Mai 1968 – als der Präsident de Gaulle fast gestürzt worden wäre – und in Italien 1969. „1968“ ist auch die Chiffre für breite Sozial- und Arbeiterbewegungen im Osten Europas, vor allem der CSSR. Über den „Eisernen Vorhang“ hinweg hatten west- und osteuropäische Bewegungen lockeren, mitunter auch engen Kontakt miteinander.

Es zeichnet die Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts aus, dass sie nicht an nationalen Grenzen halt machen. Und es braucht einige Scheuklappen und den Mut zur Ignoranz, um sie auf nationale Dimensionen zu reduzieren. Die deutsche, germanozentrierte Historiographie und der nationalistische Mainstream der medialen Öffentlichkeit haben die Revolution von 1848/49 in den Staaten des Deutschen Bundes lange Zeit auf eine Vorgeschichte der (klein-)deutschen Einigung unter Bismarck verengt und unter Verweis auf die Rolle Preußens im 19. Jahrhundert und seines glorreichen Militärs ihre weit über das undifferenzierte Etikett „Bürgerlichkeit“ hinausgehenden demokratischen und sozialpolitischen Dimensionen ignoriert oder bagatellisiert. Die Revolution wurde entrevolutioniert.
Eine Verengung aufs Nationale war lange Zeit charakteristisch nicht nur für den Mainstram der deutschen Historiograpahie zu 1848. Auf den nationalen Tellerrand fixierte Historiker übersahen auch, dass die Revolution von 1918/19 und ebenso „1968“ – eine Bewegung, die über das gesamte Jahrzehnt zwischen Mitte der sechziger und Mitte der siebziger Jahre reichte und mancherorts eine revolutionäre Qualität erreichte – eine dezidiert europäische Dimension besaß. 1918/19 und stärker noch „1968“ strahlte zudem über West- und Osteuropa hinaus. Studenten- und Arbeiterproteste gab es 120 Jahre nach 1848 außerdem in Nord- und Südamerika, Japan sowie überhaupt in vielen Regionen des Globus; antikoloniale Befreiungsbewegungen erlebten auch durch „1968“ einen starken Aufschwung. Der berühmte amerikanische Soziologe und Historiker Immanuel Wallerstein bezeichnet „1968“ denn auch als zweite globale Revolution – nach 1848.

Im Unterschied zu den tiefgreifenden politischen wie sozialkulturellen Bewegungen zu Beginn des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts war die Revolution von 1848/49 freilich nicht global. Zwar beobachteten vielen Menschen in den Staaten Nord- und Südamerikas die Vorgänge auf dem europäischen Kontinent mit großer Aufmerksamkeit. Unmittelbar erfasst wurden die Staaten jenseits des Atlantiks, die ab 1849 zu Aufnahmeländern für vertriebene Demokraten und Sozialisten wurden, von der europäischen Revolutionsbewegung jedoch nicht. mit Händen zu greifen und für die Zeitgenossen seit Revolutionsbeginn selbstverständlich war dagegen die gesamteuropäische Dimension von 1848/49.


Erscheinung der Seeschlange

Im Europa des Jahres 1848 hat es drei Revolutionsmetropolen gegeben, nämlich erstens Paris, das für die Zeitgenossen die Revolution schlechthin verkörperte, zweitens Wien, das Zentrum des damals nach dem zaristischen Russland größten Staates Europas, und drittens Berlin. Am 18. März 1848, als nach Paris und Wien auch Berlin zum Schauplatz eines erfolgreichen revolutionären Umsturzes geworden war, schien deshalb die Revolution in ganz Europa gesiegt zu haben. Umgekehrt läuteten die Pariser Junischlacht vier Monate nach der Februarrevolution, die Wiener Oktoberrevolution und der sich daran anschließende Gegenschlag der österreichischen Gegenrevolution sowie die Berliner Novemberereignisse, die im Einrücken von den Hohenzollern ergebenen Truppen mit dem General Wrangel an der Spitze gipfelten, das Ende der europäischen Revolution ein. Gewiss kam es im folgenden Jahr in den deutschen Staaten – vor allem in Dresden und der Saarpfalz – zu blutigen Aufständen; zudem konnte die badische Republik erst durch den massiven Einsatz preußischer Truppen niedergeschlagen werden. Noch schwerer hatte es die Gegenrevolution namentlich in Italien und Ungarn. Aber die Erfolgsaussichten dieser zweiten gesamt-europäischen Revolutionswelle (mit „Tumulten“ übrigens u.a. auch in Berlin) waren von vornherein gering, da die Revolutionszentren Preußen, Österreich und vor allem Frankreich mit massiven, teils blutigen militärischen Schlägen und einer anschließenden Dauerrepression bereits 1848 ‚pazifiziert’ worden waren.


„Europa im August 1849“

Handelte es sich 1848/49 um eine einzige Revolution oder um mehrere (nationale) Revolutionen? Das ist eine Frage des Blickwinkels: In ihrem Drängen nach Freiheit und demokratischen Rechten waren sich alle Revolutionsbewegungen ähnlich. Je nach den Bedingungen, die die Revolutionsbewegungen vorfanden, unterschieden sich gleichzeitig Strukturen und Verlauf der einzelnen Revolutionen. Falsch wäre es allerdings, dabei nur nach Staaten und Nationen zu unterscheiden. Wichtiger waren oft die regionalen Rahmenbedingungen. Gravierend unterschieden sich etwa Baden, mit seinem Prinzip der Realteilung und einer dadurch bedingten Verarmung der Landbevölkerung, und das ostelbische Preußen, mit seinen ausgeprägten großflächigen Gutsherrschaften voneinander. Unterschiedliche Ausgangsbedingungen wiederum hatten politische Folgen, die in Baden z.B. in der Republik von 1849 kulminierten. Neben den sehr unterschiedlichen Agrarverfassungen und dem Grad der Industrialisierung machte die Eisenbahn den Unterschied. Die drei Revolutionsmetropolen waren Revolutionsmetropolen auch, weil sie Eisenbahnknotenpunkte waren. Eisenbahn – das bedeutete nicht nur einen schnelleren Transport von materiellen Gütern und Passagieren, sondern auch von: Informationen. Die Berliner beispielsweise wussten sehr bald, was es etwa nach revolutionären Ereignissen in Paris Ende Februar 1848 zu diskutieren galt. Ideen und Ideologien, Prognosen und Theorien zirkulierten viel schneller als noch wenige Jahrzehnte zuvor. Aber auch beispielsweise der Tatbestand, dass die drei anhaltischen Herzogtümer 1848 und 1849 linke Parlamentsmehrheiten besaßen und radikaldemokratische Verfassungen ausbildeten, die im deutschen Raum ihresgleichen suchten, ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass Dessau und Köthen schon damals Eisenbahn-Drehkreuze waren und eine Zugfahrt etwa nach Berlin nur wenig Zeit in Anspruch nahm.

Ohne die Kommunikationsrevolution wiederum – dazu gehörten auch z.B. die infolge der Schnellpresse verbesserten Drucktechniken – keine politische und soziale Revolution. Ohne Eisenbahn keine europäische Revolution. Den letzten Satz kann man auch umdrehen: Hätte es 1830/31 schon ein Eisenbahnnetz wie 1848 (das zu diesem Zeitpunkt teilweise schon eine europäische Dimension besaß) gegeben, wären bereits die Jahre 1830 und 1831 zum Schauplatz einer gesamteuropäischen Revolution wie 1848/49 geworden. Denn der für ein revolutionäres Auflodern notwendige Zündstoff, die Unzufriedenheit mit den politischen und sozialökonomischen Verhältnissen, hatte sich schon lange angesammelt.

Er hatte sich nicht nur angesammelt, sondern war auch supranational ‚transportiert’ worden. Eine wichtige Rolle dabei spielten unfreiwillig Ausweisungen und Zensur. Die Zensur machte erst recht neugierig auf Verbotenes. In Berlin gab es im Vormärz Klubs, die sich gezielt auf die Lektüre der vom preußischen Zensor verbotenen Literatur ‚spezialisiert’ hatten und sich z.B. Bücher aus dem liberaleren sächsischen ‚Ausland’ beschafften. Noch wichtiger für den übernationalen Austausch von Ideen waren die Ausweisungen unbotmäßiger Untertanen, von denen die Obrigkeit ebenfalls gern Gebrauch machte. Paris und Brüssel waren Orte des Exils, mit nach Zehntausenden zählenden ‚deutschen Kolonien’. Die Exilanten wiederum blieben nicht unter sich, sondern tauschten sich mit ihren Gesinnungsgenossen aus Frankreich, Belgien und anderer Herren Länder aus. Ein ganz bedeutende Rolle spielte das Gesellenwandern für zwei oder drei Jahre, die Walz, die damals in vielen Handwerksberufen ein zentraler Bestandteil der Berufsausbildung war. Deren Wanderungen machten nicht an Grenzen halt, weder an innerdeutschen noch an ‚ausländischen’ Grenzen. Die meisten Handwerksgesellen wanderten in die Schweiz, nach Frankreich und Belgien, andere noch weiter. Typisch für den Vormärz ist der „Gesellenradikalismus“, sind der Frühsozialismus sowie radikalaufklärerische Ideen der jungen Handwerker, die wiederum die Emanzipationsbewegungen in der Heimat stimulierten. Ein Denken in europäischen Dimensionen war nicht auf wenige Intellektuel-le beschränkt, sondern für weite Teile der Unterschichten selbstverständlich (und sollte Jahrzehnte später in den „proletarischen Internationalismus“ münden).

Von einer europäischen Revolution muss man außerdem des¬halb spre¬chen, weil die Rufe nach politischer Freiheit, vor allem nach Ver¬sammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsfrei-heit, nach ent¬scheidungskräftigen Parlamenten, nach einem allgemeinen und glei¬chen (Männer-)Wahlrecht sowie nicht zuletzt nach demokratischen Verfassun¬gen überall in Europa erschallten. Darüber hinaus – auch das war nicht national oder regional begrenzt – erhoben die Unterschich¬ten eigene Forderungen, nach Selbstbestimmung und (modern gesprochen:) sozialstaatlichen Siche¬rungssystemen.

Eine weitere Gemeinsamkeit war das Phänomen der Fundamen¬talpolitisierung: Nicht nur Intellektuelle und bürgerliche Teilschichten, die ganze Gesellschaft – und zwar nicht zuletzt die niederen Sozialschichten – beschäftigten sich mit Politik. Überall in Europa wurden auf den Straßen und in Massenversammlungen revolutionäre Ereignisse und ebenso das politische All¬tagsgeschehen diskutiert. Überall schossen politische Vereine, die Frühformen unserer heutigen Parteien, wie Pilze aus dem Boden. Auch die sog. ‚Judenfrage’ besaß im Negativen wie im Positiven eine gesamteuropäische Dimension: Die Emanzipation wurde weiter vorangetrieben, vor allem ‚praktisch’, nur teilweise dagegen verfassungsrechtlich. In ganz Europa engagierten sich Juden in bisher nicht gekannter Zahl in den Reform- und Revolu¬tionsbewe¬gun¬gen. Zugleich kam es im Frühjahr 1848 freilich auch zu antijüdischen Ausschreitungen, mit Schwerpunkten im Elsass, im Südwesten Deutschlands, in Ungarn sowie im Großher¬zogtum Posen.

Ein herausragendes Beispiel für ein gesamteuropäisches Engagement 1848/49 sind die polnischen Revolutionäre. Sie standen überall auf den Barrikaden, wo für demokratische Freiheiten gekämpft wurde, und exponierten sich europaweit in führenden Positionen in Revolutionsarmeen. Der Kampf der Polen dafür, nach Jahrzehnten der Dreiteilung endlich wieder einen eigenen demokratischen Staat durchzusetzen, verband sich bei vielen von ihnen mit einer selbstverständlichen gesamteuropäischen Solidarität. Solidarität galt auch umgekehrt. Ein markantes Beispiel sind die knapp dreihundert polnischen Freiheitskämpfer, die im Dezember 1847 wegen eines Aufstandsversuchs im preußisch beherrschten Großherzogtum Posen zu langen Haftstrafen, in einigen Fällen sogar zum Tode verurteilt worden waren und im Moabiter Gefängnis einsaßen. Sie wurden durch die Berliner Märzrevolutionäre befreit und fuhren im Triumphzug durch die preußische Hauptstadt. Die gesamteuropäische Solidarität – die ab Frühsommer 1848 freilich durch einen aufkommenden Nationalismus und Repressionen gegen nationale Minderheiten eingetrübt wurde – ist ein herausragendes Kennzeichen der Revolutionsbewegung von 1848/49. Fast auf denselben Tag genau, an dem Truppen der österreichischen und russischen Gegenrevolution die ungarische Freiheitsarmee bei Világos zur Aufgabe gezwungen hatten, am 21. August 1849, erklärte der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo in der Eröffnungsrede auf einem Pariser Friedenskongress:
„Ein Tag wird kommen, wo die Waffen Euch aus den Händen fallen werden! Ein Tag wird kommen, wo ein Krieg zwischen Paris und London, zwischen Petersburg und Berlin, zwi-schen Wien und Turin ebenso absurd schiene wie zwischen Rouen und Amiens, zwischen Boston und Philadelphia. Ein Tag wird kommen, wo Ihr, Frankreich, Rußland, Italien, England, Deutschland, all ihr Nationen des Kontinents [...], Euch eng zu einer höheren Gemeinschaft zusammenschließen und die große europäische Bruderschaft begründen werdet“. Der große französische Dichter prognostizierte: „Ein Tag wird kommen, wo es keine anderen Schlachtfelder mehr geben wird als die Märkte, die sich dem Handel öffnen, und den Geist, der sich den Ideen öffnet. Ein Tag wird kommen, wo die Kugeln und Bomben durch Stimmzettel ersetzt werden, durch das allgemeine Wahlrecht der Völker, durch die Entscheidungen eines großen souveränen Senates, der für Europa das sein wird, was das Parlament für England und die Nationalversammlung für Frankreich ist“. Nationalismus und Imperialismus verhinderten dies bekanntlich für mehr als hundert Jahre. Ob sich Hugos Wunsch vom August 1849, dass der Tag der Einigung eines demokratischen und sozialen Europas tatsächlich „keine 400 Jahre brauchen [wird], denn wir leben in einer schnelllebigen Zeit“, erfüllt – liegt an uns.

Rüdiger Hachtmann