Call for Papers Tagung "Gedenken an die Revolution 1848/49 und am Friedhof der Märzgefallenen nach 1945"

19.10.2021, 16:23 Uhr

Berlin reihte sich 1848 mit der Märzrevolution in die Riege wichtiger europäischer Revolutionsmetropolen ein. Sowohl für das 19. als auch das 20. Jahrhundert diente die Märzrevolution als zentraler Referenzpunkt der Demokratiegeschichte – nicht nur Berlins, sondern deutlich darüber hinaus. Im 20. Jahrhundert wurde die Revolutions-Erinnerung vielfältig instrumentalisiert und genutzt – insbesondere seit 1945 unter dem Eindruck der NS-Diktatur. Wirkmächtige Bilder der ›gescheiterten‹, der ›bürgerlichen‹ oder der ›proletarischen‹ Revolution bestimmten die Erinnerungskultur. Genau an diesen Rezeptionen möchte die Tagung ansetzen, wobei der Friedhof der Märzgefallenen als bedeutender Erinnerungsort ins Zentrum der Überlegungen gestellt wird.


Am Friedhof der Märzgefallenen lässt sich exemplarisch ablesen, wie ›kollektive Erinnerung gemacht wird‹. Dieser Erinnerungsort im Berliner Friedrichshain ist sowohl Erzeugnis als auch Zeugnis der Revolution. Hier im Osten Berlins begruben die Revolutionärinnen und Revolutionäre die Toten der Barrikadenkämpfe vom März 1848 und gedachten ihrer. Der frühere Berliner Landeskonservator Jörg Haspel beschrieb ihn als »ein authentisches kulturelles Produkt der Aufständischen, der Zukunft gewidmet zur Erinnerung an die Ziele der geschlagenen Oppositionsbewegung und immer wieder aufs Neue aufgegriffen und verteidigt von denjenigen, denen dieser historische Akt ein wichtiges politisches Vermächtnis war.« Neben der Paulskirche zählte er zu den beiden Orten, die »bei der Ausgestaltung der Feiern eine zentrale Stellung als sichtbare Anknüpfung an die 1848er-Tradition ein[-nahmen] und […] über 150 Jahre hinweg ihre bereits im Revolutionsjahr entstandene inhaltliche Konnotation« (Claudia Klemm) behielten. Der Friedhof der Märzgefallenen stellt damit einen einmaligen Berliner Erinnerungsort und ein lieu de mémoire der Revolution dar. Dadurch, dass er 1848 wie auch 1918 Begräbnis- und Gedenkort war, erschien er als ein Symbol für lange Demokratie- und Revolutionstraditionen – Letzteres insbesondere für die DDR, ein Staat, dessen Grundverständnis auf einer revolutionären Tradition fußte. Deshalb sollen dieser Ort und seine Inbesitznahme in der DDR als roter Faden für die Tagung dienen.
Neben der durch die DDR-Gedenkpraktiken sowie -Narrationen geprägten (und bis heute prägenden) materiellen Hinterlassenschaft wird am Friedhof der Märzgefallenen die sich wandelnde symbolische Funktion von Erinnerung und Gedenken unter verschiedenen Vorzeichen ebenso eindrücklich greifbar wie die Wechselwirkung von Stadt- und Erinnerungsgeschichte im urbanen Raum. Hier setzt die Tagung an. Sie reflektiert die Indienstnahme von Erinnerung, deren symbolische Aufladung sowie den jeweils zeitgeistgebundenen Drang, historische Ereignisse gezielt für eigene Zwecke einzusetzen – auch als Phänomen der Gegenwart.
Vor diesem Hintergrund sind Beiträge/Einreichungen zu folgenden Fragen erwünscht:
 Wie spiegelt sich die Revolutions-Rezeption vom 19. Jahrhundert bis heute am ›Friedhof der Märzgefallenen‹ wider?
 Welche Rolle spielte die Revolution von 1848 im Geschichtsbild der DDR und welchem historischen Wandel unterlag die Rezeption?
 Wie spiegelten sich die Systemauseinandersetzungen im deutsch-deutschen Gedenken an die Revolution 1848/49 und ihrer Gedenkorte?
 Wie entstand die heute noch gegenwärtige materielle Hinterlassenschaft? Welche Modifizierungen erfuhr er im Laufe der Zeit (von 1945 bis 1989)?
 Welche Diskussionen fanden in der DDR über geplante und realisierte Veränderungen statt? Wie war diese Diskussion durch das in den 1970/80er-Jahren sich wandelnde Geschichtsverständnisses in der DDR beeinflusst?
 Was kennzeichnete das staatlich organisierte Gedenken? Gab es ein zivilgesellschaftliches, oppositionelles Gedenken außerhalb des staatlich organisierten Rahmens?
 Wie gingen die Politik und die Zivilgesellschaft in der jungen Berliner Republik bzw. im wiedervereinigten Berlin in den 1990er-Jahren, insbesondere mit Blick auf das 150. Jubiläum 1998, mit diesem Erinnerungsort um?
 In welches urbane Umfeld ist der Friedhof der Märzgefallenen eingebettet? Welche Wechselwirkungen lassen sich ausmachen?
 Welche Schlüsse können für einen zukünftigen Umgang mit der durch die DDR geprägten Gestaltung des Friedhofs der Märzgefallenen gezogen werden?
 Welche auf Revolutionsereignisse bezogenen Erinnerungsorte und/oder Jubiläen lassen sich vergleichend zum Friedhof der Märzgefallenen heranziehen, um Parallelen und Unterschiede herauszuarbeiten?
 Wie könnte sich das Erinnern aus denkmalpflegerischer Perspektive zukünftig gestalten?
Wir freuen uns über Vortragsvorschläge von Historiker*innen, Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen, Denkmalpfleger*innen und/oder Stadtplaner*innen, die sich in ihren Forschungen mit einem der genannten Aspekte auseinandersetzen. Bitte senden Sie Ihre Abstracts (max. 2.000 Zeichen, deutsch- oder englischsprachig) sowie einen kurzen wissenschaftlichen Lebenslauf bis zum 30. November 2021 an den Paul-Singer-Verein – kontakt@paulsinger.de.
Die Vorträge sollen zwanzig Minuten nicht überschreiten. Wir bemühen uns, eine Aufwandspauschale zu übernehmen, können aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine definitive Zusage geben. Eine Publikation der Beiträge wird angestrebt.

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